Im Dorf angekommen, hörte ich immer wieder von der Mobilmachung. Der eine rief es dem anderen zu. Zu ganzen Haufen standen die Leute auf der Straße zusammen, die Ereignisse des Tages besprechend. Die einen wohl noch mutwillig, andere dagegen weinend und jammernd, dass ihre Söhne oder der Gatte zum Krieg fort müßten. Da es Samstag Abend war, so begab ich mich gleich zur Kirche, um meinen Verpflichtungen als Küster nachzukommen und zur Salve Andacht zu läuten. Hier gewahrte ich am Beichtstuhle fast lauter Reservisten und Landwehrleute, welche sich, bevor sie den Gefahren des Krieges entgegen gingen, noch mit ihrem Gott durch den Empfang der hl. Sakramente aussöhnen wollten. Dieses dauerte auch noch nach der Andacht an. Es war fast 10 Uhr, als ich nach beendigtem Dienst nach Hause ging.Froh, endlich Feierabend zu haben und über die Kriegslage nachdenkend.

Aber es sollte noch ganz anders kommen. Auf dem Heimwege begegnete mir der Stimme nach ein Fremder. Erkennen konnte ich ihn nicht, da es bereits stark dunkelte. Nach dem üblichen Gruße rief er mir nach: Alles, alles ist mobil! Der ganze Landsturm auch. Das wird wohl noch Zeit haben, rief ich lachend, so schlimm ist's noch nicht. Zu Hause angekommen, erzählte ich die Tagesneuigkeiten und erwähnte auch des Fremden, dem ich aber nicht so recht glauben könnte. Wie wahr derselbe aber gesprochen hatte, sollten wir bald erfahren. Wir saßen noch am Abendbrot als ein Bote vom Ortsvorsteher eintraf mit der Weisung, ich sollte sofort zur Kirche gehen und Sturmläuten. Der Landsturm müsse zusammen kommen. Jetzt fing die Sachlage aber an, brenzlich zu werden. Bis jetzt wußte man ja noch garnichts von einer Kriegserklärung und schon sollte der Landsturm aufgeboten werden? Sollte das denn auch den ungedienten Landsturm angehen? Das war doch wohl kaum möglich. Und dann jetzt Sturmläuten, wo es doch beinahe 11 Uhr war. Das mußte ja das ganze Dorf aus den Federn heben. Weil die Sache mir zweifelhaft vorkam, so erkundigte ich mich gleich beim Herrn Pastor und dem Ortsvorsteher, um sicher zu sein. Nachdem mir diese zuteil geworden, trat ich mit meinem Bruder und einem Studenten, welcher beim Herrn Pastor zu Besuch war, an den Strang der Glocken und zogen feste drauf los. Bald löste mich einer ab. Ich ging hinaus um zu sehen, ob das Läuten Erfolg hätte. Und das hatte es! Wohl 20 Leute standen schon auf der Straße harrend der Dinge die da noch kommen sollten. Weithin dröhnten die gewaltigen Töne der Glocken durch die Stille Nacht, immer mehr Schläfer aufweckend und herbeiführend. Aber wie ganz anders klangen die Glocken, als wenn sie sonst in friedlichen Zeiten die Gläubigen zum hehren Gottesdienste zusammen riefen! Nicht feierlich und weihevoll! Nein, ganz anders! Wie in wilden Fieberfantasien schienen sie sich gegenseitig noch übertönen zu wollen. Schauerlich hallten die ehernen Klänge durch die Nacht und unwillkürlich mußte ich an die Worte des Dichters denken, wo es im Lied von der Glocke heißt: "Hört ihr's wimmern hoch vom Thurm, das ist Sturm".

Bald hatte sich eine Menge Volk vor der Kirche angesammelt. Wo dann der Ortsvorsteher durch den stellvertretenden Polizeidiener, Mathias Offermann (Scheid), bekannt machte, dass das erste Aufgebot des gedienten Landsturms einbefohlen sei und dass diejenigen, welche paßgemäß sich sofort zu stellen hätten, dies bis längstens Sonntags Morgens an dem Bezirkskommando in Montjoie tuen sollten. Die Übrigen aber nach Angabe Ihres Passes. Das war wieder eine aufregende Nachricht für alle, besonders aber für die davon betroffenen Vaterlandsverteidiger. Jetzt strömte jung und alt zur Wirtschaft Junkersdorff hinein, wo noch verschiedene gedruckte Formulare aufgehängt wurden mit allen möglichen Bestimmungen und Befehlen. Das gab ein Befragen und Gerede hin und her, ob in diesem oder jenem Paragraph auch der nicht geübte Landsturm gemeint sei oder nicht, und mancher der Letzteren glaubte schon, dass er auch bald absacken müsse. Gegen 12 Uhr erschienen schon 3 Reservisten, Mathias Scheidt, Josef Baumgarten und Anton Brüll, welche sich sofort stellen sollten, reisefertig in der Wirtschaft. Noch einige Glas Bier wurden zum Abschied getrunken, dann zogen die braven Streiter mutig unter frohem Gesang auf Montjoie zu. Am Sonntag Morgen rückten dann ca. 5 Landsturm-Männer aus, ihre Frauen und Kinder weinend zurücklassend. Auch noch einige Reservisten zogen ab. Den ganzen Tag über wurde nur von Krieg gesprochen, die unglaublichsten und schrecklichsten Geschichten wurden erzählt. Jedenfalls war manches davon sehr übertrieben oder ganz geschwindelt. Unter anderem wurde erzählt, dass der Uhrmacher "Grigalet" aus Monschau als Spion entlarvt worden sei. Derselbe sollte nachmittags erschossen werden. Auch Vorpostengefechte mit den Russen sollten vorgekommen sein.